Digitale Austauschprogramme: Mit attraktiven Konzepten punkten

Die Corona-Krise hat die Bedingungen für internationale Studierende stark verändert. Doch mit Mut, Kreativität und Optimismus, neuen didaktischen Methoden und digitaler Infrastruktur suchen Hochschulen innovative Wege, den internationalen Austausch weiterhin zu ermöglichen.

Autorin: Susanne Geu (18. November 2020)

Studentin nimmt über ihren Laptop an einer Online-Lehrveranstaltung teil
© Ridofranz/iStockphoto

Ein Semester oder ein komplettes Studium im Ausland zu verbringen, ist der Traum vieler Studierender. Auslandserfahrung wertet den Lebenslauf im späteren Bewerbungsprozess auf, stärkt interkulturelle Kompetenzen und hat nicht zuletzt Einfluss auf die eigene Persönlichkeitsentwicklung. Doch wie kann internationaler Austausch während der Corona-Pandemie funktionieren? Angefangen bei der Immatrikulation über die Lehre bis hin zum Kennenlernen der Kommilitoninnen und Kommilitonen aus anderen Nationen?

Digitalisierungsschub für Online-Lehre und administrative Prozesse

Hochschulverwaltung und Hochschullehrende wählten von Beginn der Pandemie an digitale Lösungswege. "Wir haben unser Studienangebot komplett digitalisiert. Dabei haben wir uns aber nicht einfach vor den Bildschirm gesetzt und Präsentationen gehalten, sondern einen virtuellen Raum geschaffen. Die Studierenden können einen Chatraum betreten oder sich online Poster ansehen. Außerdem haben wir ein Instant-Messaging-Tool  eingesetzt, um Gruppenarbeit zu ermöglichen", berichtet Prof. Dr. Carsten Wolff vom Institut für die Digitalisierung von Arbeits- und Lebenswelten (IDiAL) der FH Dortmund.

Wolff ist in die Lehre von drei internationalen Masterstudiengängen und in die Organisation internationaler Spring, Summer und Winter Schools involviert. "Der Digitalisierungsschub durch Corona hat vieles möglich gemacht, das erst in drei oder vier Jahren anvisiert war. Wir haben Messtools entwickelt, die von den Studierenden zu Hause am Computer-Bildschirm ausprobiert werden können. Und wir arbeiten an einer Virtual Desktop Infrastructure, die es uns irgendwann erlaubt, allen Studierenden einen eigenen virtuellen Rechner auf einem Server zuzuweisen, ohne an die Hardware-Grenzen eines lokalen PCs zu stoßen", erklärt Wolff.

An der Freien Universität Berlin (FU) hat man im Frühjahr innerhalb weniger Tage den Immatrikulationsprozess für internationale Austauschstudierende komplett digitalisiert. "Was früher nicht ging, war plötzlich möglich. Das wollen wir auch nach Corona nicht mehr zurücknehmen", berichtet Gesa Heym, Referatsleiterin Studierendenmobilität in der Abteilung Internationales.

Schwierig sei derzeit allerdings noch, dass nicht ganz klar ist, wie viele internationale Studierende tatsächlich vor Ort sind und wie viele aufgrund der digitalen Angebote ihr Auslandsstudium online in ihrem Heimatland absolvieren. Auch sei noch nicht für jeden Einzelfall geklärt, ob alle relevanten Kurse und auch Prüfungen online stattfinden können.

Rechtliche Hürden bei digitalen Prüfungen

Abschlussprüfungen in Form von Online-Klausuren wird es an der FH Dortmund nicht geben. Um eine Prüfung in dieser Form rechtssicher zu machen, sei Videoüberwachung am heimischen Arbeitsplatz notwendig. "Entsprechende IT-Lösungen gäbe es auf dem Markt, die Umsetzung wäre aber aufgrund des deutschen Rechts zu schwierig", wendet Professor Wolff von der FH Dortmund ein. "Stattdessen arbeiten wir sehr viel mit Abgaben während des Semesters und fahren in vielen Bereichen mehrgleisig. Wenn ein Studierender eine Leistung aus bestimmten Gründen nicht erbringen kann, bieten wir Alternativleistungen an. Die Individualisierung von Prüfungsleistungen nimmt zu", so Wolff.

Flexible Entscheidungen können für die internationalen Studiengänge an der FH Dortmund auch aufgrund einer juristischen Ausnahmeordnung getroffen werden. Die strengen Regeln der allgemeinen Studien- und Prüfungsordnung wurden für Anmeldefristen und Unterschriftsvorgaben außer Kraft gesetzt. Die Studiengänge entscheiden jetzt selbstständig darüber und können schneller auf notwendige Gegebenheiten reagieren.

Alltagserfahrungen über neue Wege

Die Besonderheit eines Auslandssemesters oder Auslandsstudiums liegt auch im Eintauchen in eine andere Kultur. Im Alltag mit einer fremden Sprache zurechtkommen, den Betrieb einer ausländischen Hochschule kennenlernen, abends internationale Kommilitoninnen und Kommilitonen treffen – ob diese Erfahrungen in der Summe digitalisiert werden können, ist fraglich.

Neben digitalen Beratungs- und Betreuungsformaten sind Ideen und neue Konzepte gefragt, die Kulturaustausch und Alltagserfahrungen ermöglichen: Buddy-Programme, Stadtführungen, Spiele- und Länderabende oder Sprachcafés lassen sich in den digitalen Raum übertragen. Denkbar sind auch gemeinsame Koch-Events, so wie sie bereits bei digitalen Veranstaltungen oder Team-Building-Maßnahmen umgesetzt werden. Hier können deutsche und internationale Studierende online live angeleitet werden, landestypische Gerichte zu kochen. Die Kochergebnisse werden dann digital geteilt, verglichen und auch gemeinschaftlich zum gleichen Zeitpunkt verkostet. Der Kreativität beim Erdenken neuer Formate sind kaum Grenzen gesetzt. Und ist der Anfang erst gemacht, entstehen daraus weitere Anknüpfungspunkte und Ideen, die ein interkulturelles Erlebnis digital vorantreiben.

Solche informellen, niedrigschwelligen Angebote vermitteln internationalen Studierenden, die sich auf eine fremde Kultur und ein fremdes Hochschulsystem einlassen, die Botschaft: „Auch und gerade in diesen schwierigen Zeiten lassen wir euch nicht allein.“

Den internationalen Austausch untereinander trotz der aktuellen Einschränkungen physischer Mobilität weiter zu ermöglichen, daran liegt auch Dr. Michael Krüger, Abteilungsleiter Internationales Bildungsmanagement an der PH Ludwigsburg, viel. Der Studiengang "International Education Management", eine Kooperation zwischen der PH Ludwigsburg und der Helwan University Kairo, war zwar schon immer ein Blended-Learning-Angebot mit Präsenz- und Online-Phasen, kann aber ebenfalls in seiner ursprünglichen Form derzeit nicht stattfinden.

Online-Lehre über verschiedene Zeitzonen hinweg

"Unsere Studierenden treffen sich normalerweise zwei Mal pro Semester zu einer intensiven Lernwoche in Ludwigsburg oder Kairo. Der aktuelle Kurs hat 23 Studierende aus 15 Ländern von fast allen Kontinenten. Das ist der spannendste Teil dieses berufsbegleitenden Masters für die Studierenden", berichtet Krüger.

Als Ersatz für die Präsenzphasen gibt es Online-Treffen, die jedoch ganz anders konzipiert werden mussten. "Normalerweise fangen wir morgens um neun Uhr an und lernen gemeinsam bis halb sechs. Das geht online nicht. Schon gar nicht mit Teilnehmenden aus 12 verschiedenen Zeitzonen. Wir haben die Inhalte auf drei Zeitblöcke reduziert. An zwei Zeitblöcken konnten alle trotz Zeitverschiebung teilnehmen. Den dritten Block gab es für die Gruppe West am Abend, für die Gruppe Ost am Morgen des folgenden Tages, sodass um 11 Uhr alle wieder auf einem gemeinsamen Stand waren", stellt Michael Krüger gleichzeitig begeistert und etwas erschöpft fest.

Darüber hinaus wurde das gemeinsame Planspiel der Studierenden, das sonst Bestandteil der Präsenzphase ist, in seiner Online-Version von dreieinhalb auf sechs Tage verlängert und durch eine wissenschaftliche Hilfskraft begleitet. "Wir haben die Komplexität reduziert und stärker geführt, dadurch hat das Planspiel auch online funktioniert. Außerdem ging es insgesamt drei Tage mithilfe von Kennenlernspielen nur um die Gruppe, nicht um Lehre oder Termine. Beim 'Online-Speeddating' haben wir die Kommilitonen zufallsmäßig miteinander in Breakout-Räume geschickt, damit sie sich kennenlernen", so Krüger.

An der FH Dortmund macht sich Carsten Wolff Gedanken darüber, wie die Bindung zu den Kommilitoninnen und Kommilitonen und zur Hochschule gelingen kann, wenn physische Treffen nicht stattfinden. Seiner Erfahrung nach ist die Alumnibindung innerhalb der Jahrgangskohorte wichtiger als zur Hochschule selbst. "Die Kommilitonen helfen sich untereinander und bauen ein Netzwerk auf, das nach fünf bis sechs Jahren bei der Jobsuche unheimlich wertvoll sein kann." Ob dieser Mehrwert auch online erreicht wird, bleibt abzuwarten. "Normalweise gründen zwei bis drei Teams nach dem Studium gemeinsam ein Unternehmen. Damit rechne ich derzeit nicht", sagt Wolff.

Zugang neuer Zielgruppen zum Online-Auslandsstudium

"Internationale Studienangebote, die nun digital angeboten werden, sind damit auch für weitere Zielgruppen erfahrbar, beispielsweise für die, die es sich sonst nicht leisten könnten oder familiär gebunden sind", sagt Nicole Ohlemüller, Leiterin des Referats Internationalisierung digital, Fachhochschulen/HAW im DAAD. Mittels digitaler Studienangebote können Studierende interkulturelle Erfahrungen machen, ohne Monate oder Jahre im Ausland zu verbringen. Allerdings sei auch die physische Erfahrung vor Ort wichtig, um in die jeweils andere Kultur einzutauchen und interkulturelle Kompetenzen aufzubauen. "Ausgehend von diesen Anforderungen werden wir neue Förderformate entwickeln und auf die Bedarfe der Hochschulen, ihrer Lehrenden und Studierenden ausrichten", so Ohlemüller.

Der Zugang neuer (und alter) Zielgruppen hängt jedoch maßgeblich von der technischen Infrastruktur ab, die im Heimatland zur Verfügung steht. Laut Carsten Wolff von der FH Dortmund sei die Hardware in Form eines Laptops oder Computers oft vorhanden, jedoch die Internetverbindung in vielen Ländern nicht stabil genug. Einigen Studierenden stehe außerdem kein ruhiger, ungestörter Arbeitsbereich zur Verfügung.

Studieninhalten kommt größere Bedeutung zu

Eine interessante Beobachtung konnte Gesa Heym von der FU Berlin in den letzten Monaten machen. Im Rahmen des Virtual-Mobility-Programms mit der University of Bologna öffnete die Universität kurzfristig viele Online-Kurse als Zusatzangebot für ihre Studierenden, die ursprünglich ins Ausland gehen wollten. "Wir wollten einfach mal schauen, was passiert. Meine Vermutung war, dass die Studierenden sagen, 'wenn wir nicht ins Ausland gehen können, studieren wir eben an der FU'. Das Interesse an den internationalen Kursen war aber überraschenderweise sehr groß. Normalerweise spielt bei der Wahl einer ausländischen Hochschule das Land und die Stadt eine übergeordnete Rolle. Bei den internationalen Online-Kursen standen die fachlichen Inhalte viel mehr im Vordergrund", resümiert Heym.

Die aktuelle Situation erfordert von den Hochschulen viel Flexibilität und Bereitschaft, gewohnte Prozesse umzustellen - zugleich eröffnen sich alternative Wege, international neue Zielgruppen anzusprechen und sie mit guten Online-Inhalten als Studierende zu gewinnen.

Neue Programme des DAAD

Der DAAD unterstützt Hochschulen mit Virtual-Exchange-Förderprogrammen:

International Virtual Academic Collaboration (IVAC)
Lehrende von deutschen und ausländischen Hochschulen entwickeln gemeinsam methodische und didaktische Konzepte für digitale Lehrveranstaltungen.
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Internationale Programme Digital (IP Digital)
Deutsche Hochschulen konzipieren ihre Studiengänge für internationale Studierende als Angebot, das rein digital durchlaufen werden kann. Ein Aufenthalt in Deutschland wird miteingeplant.
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Internationale Mobilität und Kooperation digital (IMKD)
Strukturbildendes Programm für die gesamte Hochschule, die ihre IT-Infrastruktur so entwickeln möchte, dass der gesamte Student Life Cycle digital abgewickelt werden kann.
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