Zwei Jahre Krisenmodus – Stimmen aus den International Offices

Ab März 2020 stand die Welt still. Die Hörsäle blieben leer, dafür öffneten Hochschulen ihre virtuellen Tore umso weiter. International Offices arbeiten seitdem im Krisenmodus. Welche Veränderungen haben die Pandemiejahre gebracht, was davon wird bleiben? Ein Stimmungsbericht.

Autorin: Gunda Achterhold (April 2022)

Studentin und Student mit Masken halten Abstand
© kzenon/iStockphoto

Die vergangenen zwei Jahre waren für Hochschulen ein ständiges Auf und Ab. Zu Beginn der ersten Corona-Welle stand die Krisenkommunikation im Vordergrund, Lehre und Verwaltung wurden komplett in den virtuellen Raum verlegt. Die Teams der International Offices holten Hunderte ihrer Outgoings zurück nach Hause und kümmerten sich um internationale Studierende, die entweder in ihren Heimatländern festsaßen oder alleine und fremd im deutschen Lockdown verharrten. Veranstaltungen und Services wurden geplant, um im Zuge steigender Inzidenzen dann doch wieder verworfen zu werden. Für jede Maßnahme gab es mindestens einen Plan B. Das zerrte an den Nerven aller, doch zu Beginn des dritten Corona-Frühlings zeigt sich ein Silberstreif am Horizont: Die Hochschulen füllen sich mit Leben, zum Sommersemester 2022 finden Lehrveranstaltungen weitgehend wieder in Präsenz statt. Digitale Formate, die sich unabhängig von der Krisensituation gut bewährt haben, werden fortgeführt und erleichtern den Arbeitsalltag.

Physische Mobilität nimmt wieder zu

Für die internationalen Austauschstudierenden der Hochschule Reutlingen begann das neue Semester gleich mit einem Highlight. Nach zwei digitalen Treffen fand der Orientation Day Anfang März erstmals wieder als Präsenzveranstaltung statt. "Alle waren froh und kamen sofort miteinander ins Gespräch", berichtet Sunita Wolz. Sie leitet das Projekt Students4Students an der baden-württembergischen Campus-Hochschule. Das Buddy-Programm erleichtert Studierenden aus dem Ausland den Start ins Studium und begleitet sie über das erste Semester hinweg. "In den letzten zwei Jahren fanden alle Events online statt", so Wolz. Sogar das Zubereiten der landestypischen Spätzle lernten die Internationals digital kennen. Entsprechend groß war das Interesse an der jetzigen Einführungsveranstaltung in Präsenz, die Zahl der Anmeldungen übertraf sogar die Vor-Corona-Zeit.

Nach den Strapazen der letzten beiden Jahre zeigt sich in den International Offices Licht am Ende des Tunnels – zumindest was die Pandemie betrifft. "Wir sehen Anzeichen der Entspannung", sagt Professor Baldur H. Veit, Leiter des International Office der Hochschule Reutlingen. Nach der Unterbrechung 2020, als der internationale Austausch weitgehend zum Erliegen kam, steigen die Zahlen der internationalen Exchange Students ebenso wie die der Vollzeitstudierenden spürbar wieder an. "Eines unserer wichtigsten strategischen Ziele war es, unsere internationalen Kontakte zu halten", betont Veit. "Denn wenn sie erst einmal abbrechen, sind sie nur schwer zu reaktivieren." Er betont den hohen Stellenwert, den internationale Studierende als Botschafter im Hochschulmarketing einnehmen. "Als Multiplikatoren sind sie durch nichts zu ersetzen." Aktivitäten wie Firmenbesuche in der Region wurden daher auch während der Pandemie beibehalten – unter strengen Auflagen und nur mit aktuellem Test. "Auf diese Weise wird den Studierenden ermöglicht, etwas zu erleben, wovon sie dann auch erzählen oder Bilder posten können."

In Zusammenarbeit mit internationalen Partnern entwickelte die auf Technik und Wirtschaft spezialisierte Hochschule Reutlingen neue digitale Formate, beispielsweise eine Reihe von Kurzvorlesungen. Das International Office setzte mit der Partnerhochschule im brasilianischen Ouro Preto Sprachkurse in brasilianischem Portugiesisch bzw. Deutsch auf, die Studierende auf ihren Aufenthalt im Gastland vorbereiten. Das Angebot habe sich bewährt und werde auch künftig beibehalten, stellt Veit fest. "Wir haben sehr viel gelernt in diesen zwei Jahren, was wir übertragen sollten auf die neue Zeit", sagt der Professor. Angebote wie das International Mystery Matching beispielsweise, das Studierende und Mitarbeitende über eine Plattform miteinander in Kontakt bringt und Verabredungen matcht. Je nach Situation finden diese "Blind Dates" persönlich oder virtuell statt. "Diese Initiative hat sich zu einem Erfolgsmodell entwickelt, unsere internationalen Studierenden haben davon sehr profitiert", so Veit. Auch dieses Projekt soll in post-pandemischen Zeiten weitergeführt werden. "Es hat den großen Vorteil, dass auch Lehrende und Mitarbeitende eingebunden sind. So lernt man sich von einer ganz anderen Seite kennen."

Sicherheit und Berufsperspektiven als Auswahlkriterien

Das Interesse an Studien- und Forschungsaufenthalten im Ausland steigt weltweit wieder an. Wobei sich die Kriterien bei der Auswahl möglicher Studienorte im Zuge der Pandemie offenbar verändert haben. Während das Zielland bei dieser Entscheidung nicht mehr so wichtig sei wie früher, gewinne das Thema Sicherheit zunehmend an Bedeutung, beobachtet Flannery Burdick, Director of Content der auf Hochschulausbildung spezialisierten Marketingagentur Viv Higher Education.

Die amerikanische Bildungsexpertin ermutigt Hochschulen, ihr internationales Marketing an veränderte Bedürfnisse und Gewohnheiten ihrer Zielgruppen anzupassen. Inspirierende Botschaften seien in der Ansprache junger Menschen zwar nach wie vor essenziell, "wir beobachten jedoch, dass Studierende eine problemlösungsorientierte Ansprache zunehmend schätzen." Auch das Thema Employability spiele bei der Studienwahl eine Schlüsselrolle. "Gesucht werden Hochschulen, die gute Karrierechancen in einem sicheren Umfeld bieten", so Burdick. Sie rät Hochschulen dazu, die Chancen und spezifischen Qualifikationen ihrer Absolventinnen und Absolventen auf dem Arbeitsmarkt deutlich herauszustellen und zu bewerben. 

Virtuelle Formate für die Zukunft

Hier setzt ein Schwerpunkt der Hochschule Mainz an. Mit dem über das DAAD-Programm HAW.International geförderten Projekt Internalization at Home (I@H) bringt sie die Internationalisierung "nach Hause" und bereitet Studierende gezielt auf die globale Arbeitswelt vor. Die Hochschule setzt dabei auf ein institutionalisiertes Gastdozierendenprogramm und den Ausbau der sprachlichen und interkulturellen Kompetenz. "In Zeiten eingeschränkter Mobilitäten durch die Pandemie erwies sich dieses Angebot als Glücksfall", sagt Gabriel Belinga Belinga, Leiter des International Office der Hochschule Mainz. Auch für das Marketing biete es Potenzial.

Im Rahmen kooperativer Lehrveranstaltungen wie Collaborative Online International Learning (COIL)-Projekten und Double Classrooms wurden Lerngruppen der Partnerhochschulen digital zugeschaltet. In den virtuellen Hörsälen saßen Studierende aus Trinidad oder Kolumbien zusammen mit Studierenden aus Mainz vor den Bildschirmen. "Das hat super geklappt", sagt Belinga Belinga. Formate wie die International Exchange Lecture Series zeigen aus seiner Sicht hervorragend, wie sich internationaler Austausch auf fachlich hohem Niveau gestalten lässt. "Studierende beispielsweise aus dem Bauingenieurwesen lernten in diesen Kurzvorlesungen Methoden kennen, die von Land zu Land sehr unterschiedlich gehandhabt werden."

Auch in der Beratung und im Recruiting geht sein Team neue Wege: Mit dem Format der "Virtual Info Sessions" wendet sich die Hochschule an Interessierte ihrer Partnerhochschulen. "Zu verschiedenen Zeitpunkten im Semester bieten wir diese digitalen Veranstaltungen an und beantworten alle wichtigen Fragen – zum Studium, zu Austauschprogrammen und Sprachkursen, aber auch zum Leben am Studienort Mainz und in der die Rhein-Main-Region", so Belinga Belinga. "Für das International Office ist dieses neue Format hilfreich, denn es ermöglicht uns ein erstes Vernetzen mit künftigen Studierenden in einer sehr frühen Phase."

Gute Betreuung auch digital möglich

Die Hochschule Mainz richtete ihr Marketing im Zuge der Pandemie weitgehend neu aus, die Beratung wurde hier komplett in den virtuellen Raum verlegt. "Die Herausforderung bestand darin, die Ansprechbarkeit und Sichtbarkeit auch digital zu gewährleisten", sagt Gabriel Belinga Belinga, Leiter des International Office. "Entscheidend war, dass die Studierenden uns auch weiterhin finden, etwa durch wöchentliche virtuelle Sprechstunden."

"Die Pandemie hat der Digitalisierung einen Schub verliehen", stellt er rückblickend fest. "Zugleich haben wir alle gemerkt, wie wichtig persönliche Begegnungen sind, gerade in der Betreuung sind viele Möglichkeiten weggefallen." Die Atmosphäre unter den internationalen Studierenden an der Hochschule nimmt er dennoch als gut wahr. "Wir haben alles getan, um sie zu unterstützen und die Stimmung möglichst nicht kippen zu lassen – bis hin zu Lebensmittelpaketen in Zeiten der Quarantäne." Dieser Einsatz werde geschätzt, die Rückmeldungen an das International Office seien positiv. "Viele zeigen sich dankbar und bereuen es nicht, in diesen schwierigen Zeiten nach Deutschland gekommen zu sein."

Das sieht Emily Johnson genauso. Im Oktober 2021 kam die Bachelorstudentin an die Hochschule Reutlingen und staunte über die vielen Corona-Regeln, die sie aus ihrer Heimat Indiana nicht kannte. "Alles war digital, damit hatte ich nicht gerechnet", erzählt die US-Amerikanerin. Vieles, worauf sie sich gefreut hatte, fiel aus – das Münchner Oktoberfest und die Weihnachtsmärkte ebenso wie Partys und Veranstaltungen für die Incomings. Trotzdem schwärmt die Studentin von ihrer Zeit in Reutlingen: "Es war wirklich ganz toll, ich habe so viele Leute kennengelernt. Im Wohnheim natürlich, aber auch über das Sprachcafé oder einige Exkursionen, die stattfinden konnten." Ein paar Monate bleibt Emily noch an der Hochschule und unterstützt das International Office als Praktikantin. "Die Stimmung ist im Moment total schön, fast alles ist wieder in Präsenz und ich freue mich jetzt auf den Sommer in Deutschland!"

Studierende der Reutlingen University nehmen mit Maske an einer Bibliotheksführung teil
© Reutlingen University

Studierendenbetreuung in Pandemiezeiten: Bibliotheksführung mit Maske und Abstand an der Hochschule Reutlingen

Krieg in der Ukraine bedeutet neuen Umbruch

Von Leichtigkeit ist in den International Offices im Moment jedoch wenig zu spüren, mit dem Krieg in der Ukraine erleben Hochschulen zurzeit gleich die nächste akute Ausnahmesituation. An der Hochschule Reutlingen kommen geflüchtete Lehrende mit ihren Familien an, die Betreuung von Studierenden und Doktoranden aus der Ukraine muss völlig neu gedacht und organisiert werden. "Wir stehen zwar vor anderen Herausforderungen", sagt Professor Veit. "Die Kommunikationsstrukturen, die wir im Zuge der Pandemie geschaffen haben, helfen uns jedoch auch in dieser Situation."

Ein fein gesponnenes Konstrukt kleinerer Arbeitszirkel, die alle Hochschulebenen der Hochschule Reutlingen abdecken, sorgte in den letzten zwei Jahren für eine reibungslose und transparente Kommunikation. Die verschiedenen Gremien trafen sich regelmäßig online in kleineren Runden zu Besprechungen, bildeten Schnittstellen und teilten Informationen in alle Richtungen. Digitale Konferenzsysteme machten das möglich. "Selbst für kurze Besprechungen kommt man zu Online-Meetings schnell und ohne Aufwand zusammen – letztlich fand sogar mehr Kommunikation statt als früher", so Veit. Diese Organisationsstruktur helfe nun auch in der Ukraine-Krise. "Und sie wird uns auch auf Landesebene in Zukunft ermöglichen, den Austausch unserer drei Standorte intensiver zu gestalten."

Auch das International Office der Hochschule Mainz baut angesichts des Krieges in der Ukraine auf den in der Pandemie gewachsenen Strukturen auf. "Wir können sehr schnell und ortsunabhängig miteinander kommunizieren und Informationen austauschen", sagt Gabriel Belinga Belinga. "Bei einer sich so dynamisch verändernden Situation ist das extrem wichtig." Sein Team führt eine Liste mit Hilfswilligen und ist beeindruckt vom Engagement und den wertvollen Ressourcen, die aus der Hochschule kommen. Die Unterstützung reicht von der Begleitung bei Behördengängen und Übersetzungen von Dokumenten bis hin zu einem Leitfaden mit konkreten persönlichen Tipps zum Überleben auf der Flucht, den ein syrischer Student geschrieben hat. In der "Task Force Ukraine" seien auch Studierende vertreten, die über die aktuellen Bedarfe informieren, sagt Belinga Belinga. "Das ist eine Situation, die uns mit ganz neuen Fragen konfrontiert und unsere Arbeit derzeit absolut beherrscht."