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© DAAD/Daniel Ziegert

Internationalisierung und Interdisziplinarität: "Wissenschaft stärkt die Resilienz und leistet aktive Friedensarbeit"

Schon seine Mutter, eine Rostockerin, hatte ihm von der Ostsee vorgeschwärmt: Seit 2009 ist der gebürtige Düsseldorfer Prof. Dr. Wolfgang Schareck nach beruflichen Stationen in Freiburg und Tübingen Rektor der Universität Rostock. Ebenso lange wirkt er als Mitglied im Lenkungsausschuss von GATE-Germany mit.


Herr Professor Schareck, Rostock ist eine vergleichsweise kleine Stadt und international weniger bekannt als Metropolen wie Berlin oder München – wie gut ist es Ihrer Universität bisher gelungen, für internationale Studierende attraktiv zu sein?

Die Stärken von Rostock liegen einmal in dieser wunderbaren Lage an der Ostsee und dem Strand von Warnemünde, je weiter man nach Osten kommt, desto heller und feiner wird der Sand. Außerdem ist die Stadt überschaubar groß, die Universität liegt sehr zentral mit vier Campi mittendrin. Der persönliche Kontakt ist auch an der Hochschule sehr ausgeprägt.

Der Anteil internationaler Studierender hat sich in Ihrer Amtszeit fast verdoppelt – ist die Hochschule jetzt schon wieder auf dem Stand, den sie vor der Pandemie erreicht hatte?

Ja, wobei ein Teil von ihnen digitale Studienangebote nutzte und gar nicht vor Ort war. Wir hoffen, dass sich das wieder verbessert, da wir uns ganz deutlich dazu bekennen, eine Präsenzuniversität zu sein. Als ich 2009 als Rektor anfing, lag der Anteil ausländischer Studierender bei 5,6 Prozent. Internationalisierung ist mir daher von Anfang an ein besonderes Anliegen gewesen und war gerade hier in Rostock eine Herausforderung. Die Bilder brennender Asylbewerberheime, 1992 in Lichtenhagen, haben dem Ruf der Stadt nachhaltig geschadet. Diese Ereignisse haben sie allerdings auch sensibilisiert und hellhöriger gemacht. Die Universität setzt sich für eine internationale Willkommenskultur und die Förderung von Vielfalt ein. Aktuell kommen 11 Prozent unserer Studierenden aus dem Ausland.

Denkbar wäre, dass sich eine nennenswerte Zahl von Internationals auch künftig nur noch für ein digitales Studium in Deutschland interessiert – Standortargumente wie "Studieren am Meer" würden dann wegfallen. Sehen Sie Anzeichen für einen solchen Trend? 

Ich sehe digitale Angebote insgesamt als eine große Chance, wir haben da sehr viel gelernt. Was hybride Angebote betrifft, also die Mischung von Präsenz und Digitalem, bin ich etwas verhaltener. Es ist ein natürlicher Reflex, sich Studierenden zuzuwenden, die direkt vor einem sitzen und denen man in die Augen schauen kann. Studierende, die sich Präsenzveranstaltungen digital zuschalten, werden daher vernachlässigt. Es fehlt die Rückkopplung, auch wenn es die Möglichkeiten gibt, per Chat Fragen zu stellen und zu kommentieren. Für alle reflexiven Formate wie Seminare und Praktika sollte aus meiner Sicht eine Präsenzpflicht gelten, während sich Vorlesungen, also die Frontallehre, sehr gut digital umsetzen lassen. Ich setze Hoffnung darauf, dass sich die sogenannten "Converted Classrooms" durchsetzen. Studierende erarbeiten sich Inhalte über digitale Angebote selbst, um sie in Seminaren dann zu vertiefen.

Während der Lockdowns verschickten Sie täglich Videobotschaften über Ihren eigenen Instagram-Account, den Sie bereits vor der Pandemie eingerichtet hatten.

Unser Ziel war es, die Kommunikation innerhalb der Hochschule zu verbessern – diesen Prozess, den wir bereits vor der Pandemie angestoßen hatten, mussten wir nun beschleunigen. Als die Hochschule geschlossen wurde, ging ich dazu über, kleine Videos zu erstellen und wöchentlich einen Newsletter an alle Universitätsangehörigen zu versenden. Mir ging es darum, das Miteinander innerhalb der Universität aufrechtzuerhalten und das durchaus auch mit persönlichen Eindrücken und Erfahrungen zu gestalten. Als Mediziner war ich vor allem mit der Transplantationschirurgie befasst und hatte mit immunsupprimierten Menschen zu tun, die besonders infektionsgefährdet waren. Insofern fühlte ich mich durchaus bemüßigt, auch medizinisch zu beraten. Man darf die Infektion fürchten, aber die Angst sollte uns nicht beherrschen – diese Botschaft wollte ich vermitteln.

Formate des digitalen Miteinanders haben sich durch die Pandemie auch im internationalen Hochschulmarketing etabliert. In welchen Bereichen wird die Universität Rostock auch weiterhin auf digitale Internationalisierung setzen?

Es sind zwei Seiten einer Medaille. Wir brauchen nicht zu reisen und können uns innerhalb kürzester Zeit von Australien nach Asien begeben oder in die USA, indem wir der nächsten Online-Sitzung beitreten. Auch im Sinne der Nachhaltigkeit und des Ressourcenschutzes ist das sicher ein ganz großer Vorteil. Aber was eben fehlt, ist das Sozialisieren.

Der Internationale Tag (IT), der die Outgoing-Mobilität auch der internationalen Studierenden an der Universität Rostock fördern soll, fand im Mai 2022 wieder virtuell statt. Ist das Online-Format hier effektiver?

Digital erreichen wir natürlich mehr Interessierte. Der Impetus, daran teilzunehmen, ist wahrscheinlich jedoch größer, wenn man die Möglichkeit hat, sich vor Ort alles anzuschauen. Die Lokale Erasmus Initiative (LEI) hat deshalb um den Internationalen Tag herum eine Internationale Woche mit Veranstaltungen auf den Campi in Rostock organisiert, bei denen Studierende mit Menschen anderer Kulturen und Länder ins Gespräch kommen konnte. Wenn man beides nebeneinander machen kann, ist die Reichweite besonders groß.

Ist die Universität Rostock in bestimmten Weltregionen strategisch besonders aktiv?

Es gibt historisch gewachsene Kontakte, zu Syrien beispielsweise oder zu Kuba, die bis in die Gegenwart reichen. Auf der anderen Seite ist die Universität Rostock die älteste im gesamten Ostseeraum, über Jahrhunderte ist man aus Russland, aus den baltischen Staaten und aus Skandinavien zum Studieren nach Rostock gegangen. Auch Fachspezifika spielen eine Rolle. Viele Studierende kommen aus dem asiatischen Raum und studieren hier Computational Science and Engineering oder Computer Science International – Studiengänge, die wir jetzt auch auf Englisch anbieten. Mit dem Beitritt zu dem europäischen Bündnis EU-CONEXUS, einem Zusammenschluss von neun Küstenstädten unter Führung der französischen Universität La Rochelle, fokussieren wir uns künftig stärker auf die Themen Klimawandel und Ressourcenschutz.

Der Ostseeraum spielt in der strategischen Internationalisierung der Universität Rostock aktuell also eine besonders große Rolle?

Der thematische Schwerpunkt "Smart Urban Coastal Sustainability" ist für alle beteiligten Partneruniversitäten, die mit Ausnahme von Bukarest an Küsten liegen, relevant. Es geht darum, vorhandene Expertisen zur Nachhaltigkeit urbaner Küstenregionen zu bündeln. Im Hinblick auf den Ostseeraum wäre es natürlich interessant gewesen, den Kreis der Ostseeanrainer ganz zu schließen und über St. Petersburg und andere russische Partner dort Kontakte aufzubauen. Diese Möglichkeit wurde durch den Aggressionskrieg Russlands in der Ukraine zunichte gemacht.

Ihre Hochschule pflegt Kooperationsvereinbarungen mit vier russischen Universitäten - welche Auswirkungen hat der Krieg auf die Arbeit der Universität Rostock?

Mit der Politikwissenschaftlerin Dr. Ludmila Lutz-Auras haben wir seit April eine Prorektorin, die in der Ukraine geboren ist, aus einer russischen Familie kommt und selbst in die Ukraine gefahren ist, um ihre Großmutter nach Rostock zu holen. Sie kümmert sich jetzt auch ganz speziell um Geflüchtete und koordiniert Hilfsaktionen. Wie alle anderen Hochschulen in Deutschland haben wir unsere institutionellen Kontakte nach Russland abgebrochen, ohne jedoch unsere russischen Gäste zu vernachlässigen. In Arbeitsgruppen in der Chemie arbeiten ukrainische Studierende zusammen mit russischen Studierenden und das klappt ausgezeichnet.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen im Hinblick auf die Internationalisierung der Universität?

Kürzlich kamen zwei ukrainische Studentinnen in mein Büro, die in Kiew Ökonomie studiert hatten und ihr Studium gerne in Rostock fortsetzen würden. Wir bieten BWL und VWL jedoch nicht auf Englisch an. Wir wollen ein größeres Angebot an englischsprachigen Studiengängen schaffen, das ist eine mittelfristige Herausforderung. In den ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen haben wir damit angefangen, andere ziehen nach. Außerdem wollen wir mehr Lehrende aus dem Ausland für Rostock gewinnen – sie ziehen Studierende aus ihren Heimatländern nach und animieren unsere Studierenden dazu, selbst ins Ausland zu gehen.

Welche Rolle spielt die Forschung in diesem Zusammenhang?

Die Universität Rostock hat sich seit 2007 verstärkt auch der Interdisziplinarität verschrieben, wir haben eine virtuelle interdisziplinäre Fakultät mit vier sehr erfolgreichen Departments. Die fächerübergreifende Bearbeitung komplexer Problemfelder eröffnet Forschungsmöglichkeiten über nationale Grenzen hinaus. Internationalisierung und Interdisziplinarität sind für mich die Beiträge der Wissenschaft zur Stärkung der Resilienz, der wir so dringend bedürfen in dieser Zeit, aber eben auch eine echte Friedensarbeit.

Interview: Gunda Achterhold (Mai 2022)

Prof. Dr. Wolfgang Schareck, Universität Rostock
© Universität Rostock

Prof. Dr. Wolfgang Schareck ist seit 2009 Rektor der Universität Rostock.

Der GATE-Germany-Lenkungsausschuss

Der Lenkungsausschuss ist das beschlussfassende Gremium von GATE-Germany. Er setzt sich zusammen aus dem Sprecher des Konsortiums Prof. Dr. Joybrato Mukherjee (Präsident des DAAD) und acht Rektorinnen und Rektoren sowie Präsidentinnen und Präsidenten von GATE-Germany-Mitgliedshochschulen. Die Leiterin der Geschäftsstelle Dr. Ursula Maria Egyptien Gad nimmt beratend teil. Der Lenkungsausschuss verabschiedet strategische Richtlinien für die Arbeit des Konsortiums, berät bei der Jahresplanung und entscheidet über die Neuaufnahme von Konsortialmitgliedern.