Hochschulmarketing im Verbund: Netzwerkbildung erhöht die Sichtbarkeit

In Fragen der internationalen Positionierung stehen die Hochschulen unter großem Veränderungsdruck. Wie sich dies auf die Arbeit im Lenkungsausschuss von GATE-Germany und die strategische Ausrichtung seiner Hochschule auswirkt, erläutert Prof. Dr.-Ing. Winfried Lieber, Rektor der Hochschule Offenburg.


Herr Professor Lieber, Sie sind seit 2006 Mitglied des Lenkungsausschusses von GATE-Germany, also fast von Anfang an. Wie hat sich die Arbeit des Gremiums in dieser Zeit verändert?

Die Anfänge waren sicherlich durch den Aufbau eines ersten Leistungskatalogs bestimmt, der die Hochschulen bei ihren Internationalisierungsbemühungen unterstützen sollte. Viele Hochschulen waren damals gerade dabei, infolge der Bologna-Reform ihre Studienangebote auf die konsekutive Studienarchitektur Bachelor und Master umzustellen. Dieses, im Vergleich zum bisherigen Diplomabschluss international kompatiblere System, eröffnete den Hochschulen ganz andere Perspektiven, um sich auf dem globalen Bildungsmarkt zu positionieren. Das war eine große Chance, die allerdings auch mit neuen Anforderungen an das internationale Marketing verbunden war.

Welche Themen stehen heute im Vordergrund?

GATE-Germany unterstützt das internationale Hochschulmarketing heute durch eine Vielzahl von ausdifferenzierten Instrumenten und Formaten. Dabei profitieren die Hochschulen von der sehr guten Expertise des Konsortiums und dem globalen Netzwerk des DAAD. In diesem Sinn berät und begleitet der Lenkungsausschuss das Konsortium, diskutiert oder bewertet Jahresplanungen und entscheidet grundsätzlich über Neuaufnahmen. Neben diesen doch eher formalen Aufgaben steht aber auch das längerfristige Strategiekonzept des Konsortiums im Mittelpunkt unserer Arbeit. Gerade in Zeiten, in denen protektionistisches Imponiergehabe und Populismus weltweit wieder erstarken, sehe ich die Hochschulen in Fragen der internationalen Positionierung unter größerem Veränderungsdruck als noch vor einigen Jahren.

© Hochschule Offenburg

Prof. Dr.-Ing. Dr. h. c. Winfried Lieber ist seit 1996 Rektor der Hochschule Offenburg. Er ist hauptamtlicher Vorsitzender des Rektorats, des Senats und seiner Ausschüsse. Winfried Lieber ist landes- und bundesweit Mitglied in zahlreichen Gremien mit hochschulpolitischem Bezug. Seit März 2004 arbeitet er im Vorstand der Rektorenkonferenz der Hochschulen für Angewandte Wissenschaften in Baden-Württemberg an der Weiterentwicklung der Hochschulart. Auf Bundesebene vertritt er die Konferenz im Senat der Hochschulrektorenkonferenz (HRK).

Was kann das Konsortium GATE-Germany hier leisten?

Internationalisierung betrifft durch ihren Querschnittscharakter alle Leistungsdimensionen einer Hochschule. Sie beeinflusst heute die Profilbildung der Hochschulen viel stärker als noch vor zwanzig Jahren.

GATE-Germany ist es von Beginn an gelungen, seine Angebote sehr stark an die sich verändernden Bedürfnisse der Hochschulen, beispielsweise was deren Profil oder Größe betrifft, anzupassen. Ein ausgesprochen erfolgreiches Beispiel dafür ist sicherlich die Öffnung klassischer Marketinginstrumente in Richtung neuer Formate. So sehen wir etwa, dass Marketing durch Webinare hervorragend angenommen wird. Damit können international ausgerichtete Studienangebote zielgruppenspezifisch mit geringen Kosten und verhältnismäßig wenig Zeitaufwand präsentiert werden. Bestens geeignet sind für mich auch die Länderprofile, wenn es darum geht, internationale Hochschulmärkte kennenzulernen und sich gezielt darauf vorzubereiten.

Welche Strategie verfolgt die Hochschule Offenburg?

Unsere Hochschule hat in den vergangenen 15 Jahren ein starkes Wachstum in ihren zentralen Handlungsfeldern Lehre, Forschung, Wissens- und Technologietransfer sowie Innovation und Weiterbildung erzielen können. Wir haben in diesem Zeitraum unsere Studierendenzahl verdreifacht und unsere Forschungsleistung nahezu verzehnfacht. Trotzdem sind wir als immer noch kleinere Hochschule angesichts eines stetig wachsenden Aufgabenspektrums und der gleichwohl vielfältigen wie komplexen Zukunftsthemen mehr denn je gezwungen, neben der üblichen Prioritätensetzung Kompetenzen in strategischen Netzwerken zu bündeln. Von diesem Grundsatz lassen wir uns auch bei der aktuellen Überarbeitung der Internationalisierungsstrategie leiten. So ist vor wenigen Jahren das grenzüberschreitende Netzwerk TriRhenaTech entstanden. Diese Allianz wurde mit dem Ziel gegründet, Lehre, Forschung, Wissens- und Technologietransfer sowie Innovation und Weiterbildung in der trinationalen Metropolregion Südlicher Oberrhein noch intensiver zu fördern. Dieses Netzwerk lebt heute Internationalisierung in allen Dimensionen. Davon abgesehen orientiert sich die Ansprache globaler Zielmärkte vor allem an den bereits etablierten Partnerschaften.

Der GATE-Germany-Lenkungsausschuss

Der Lenkungsausschuss ist das beschlussfassende Gremium von GATE-Germany. Er setzt sich zusammen aus der Sprecherin des Konsortiums Prof. Dr. Margret Wintermantel (Präsidentin des DAAD) und sechs Rektorinnen und Rektoren sowie Präsidentinnen und Präsidenten von GATE-Germany-Mitgliedshochschulen. Die Leiterin der Geschäftsstelle nimmt beratend teil. Der Lenkungsausschuss verabschiedet strategische Richtlinien für die Arbeit des Konsortiums, berät bei der Jahresplanung und entscheidet über die Neuaufnahme von Konsortialmitgliedern.

Welche Rolle spielt die Gewinnung internationaler Studierender und Wissenschaftler an der Hochschule Offenburg?

Die Suche nach neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen hat auch schon in der Vergangenheit nicht an nationalen Grenzen Halt gemacht. Schließlich entspricht es dem intrinsischen Selbstverständnis von Hochschulen, sich international auszurichten und die Mobilität der Lehrenden, Lernenden und Forschenden zu unterstützen. So fördert die Hochschule Offenburg seit ihrer Gründung die Internationalisierung durch den Aufbau von Netzwerken mit Partnerhochschulen und Unternehmen. Bereits zu Beginn der 1980er-Jahre wurden, dank der geografischen Lage im Dreiländereck, grenzüberschreitende Doppeldiplomabkommen mit Frankreich und der Schweiz aufgebaut. 2018 feiern wir das zwanzigjährige Bestehen des ersten international ausgerichteten Masterstudiengangs. Gefördert wurden wir damals übrigens als einzige Fachhochschule im Master-plus-Programm des DAAD. Da die Bologna-Reform erst ein Jahr später formuliert wurde, mussten die akademischen Rechte im Antrag sogar noch durch eine amerikanische Partneruniversität abgesichert werden. Mehr als 1.200 internationale Studierende haben seither unsere Masterstudiengänge erfolgreich absolviert.

Welche Folgen haben in diesem Zusammenhang die Studiengebühren für Studierende aus Nicht-EU-Ländern, die Baden-Württemberg zum Wintersemester 2017 eingeführt hat?

Wir haben seit der Einführung der ersten englischsprachigen Masterstudiengänge kontinuierlich an der Qualitätsverbesserung gearbeitet. Eine vorbildliche Integration unserer internationalen Studierenden leistet dabei seit 2002 der Senior-Service. Offenburger Bürgerinnen und Bürger betreuen im Rahmen dieser mehrfach ausgezeichneten Kooperation unsere Studierenden bei Problemen rund um das Studium oder bei alltäglichen Fragen. Wohl nicht zuletzt deshalb sind wir trotz Studiengebühren heute immer noch in der komfortablen Lage, aus einem deutlichen Bewerberüberhang auswählen zu können. Aber auch wenn die Studiengebühren im Vergleich zu Ländern, in denen der Bildungsmarkt weitgehend kommerzialisiert ist, gering erscheinen, werden sie auf nationaler Ebene eben nur in Baden-Württemberg erhoben. Insofern verschlechtert ein so kurzfristig verabschiedetes Gesetz unsere Wettbewerbsposition gegenüber den restlichen Bundesländern schon ganz erheblich.

Wo sehen Sie Veränderungen?

Nach einem Jahr ist es sicherlich noch zu früh, um von dauerhaften Veränderungen zu sprechen. Gleichwohl registrieren wir Abweichungen bei der Annahme der Studienplätze und in der Vielfalt der Herkunftsländer. Besonders aus den lateinamerikanischen Ländern erreichen uns weniger Bewerbungen. Das bedauere ich ausdrücklich, denn wir haben mit Studierenden aus Ländern wie Argentinien, Brasilien oder Chile in der Vergangenheit beste Erfahrungen gemacht. Diese oft überdurchschnittlich talentierten und engagierten Studierenden durch die zahlreichen Bewerber aus China oder Indien zu ersetzen, schadet der bisher gelebten ausgewogenen Vielfalt unserer internationalen Studierendenschaft. Das kann nicht in unserem Sinn sein. 

Gunda Achterhold (12. Juni 2018)