Verantwortung übernehmen: Vielfalt stärkt die Gesellschaft und fördert die Attraktivität

In Zeiten der Globalisierung suchen viele Hochschulen nach Strategien, um Studieninteressierte im Ausland zu erreichen. Prof. Dr. Ulrich Radtke, Rektor der Universität Duisburg-Essen, setzt auch auf die Förderung der Vielfalt.


Herr Professor Radtke, die erst 2003 gegründete Universität Duisburg-Essen (UDE) gilt als Vorreiterin in Fragen der Bildungsgerechtigkeit und Förderung der Vielfalt. Das Thema stand früh auf der Agenda der Universität – wie kam es dazu?

Als ich 2008 von der Universität Köln ins Ruhrgebiet kam, sah ich, dass die Zusammensetzung der Studierenden an der UDE eine besondere ist. Mehr als 60 Prozent unserer Studierenden sind Bildungsaufsteiger, viele von ihnen bringen einen internationalen Hintergrund mit, 18 Prozent kommen aus dem Ausland. Diese Vielfalt der Herkünfte zusammenzubringen und ein gemeinsames akademisches Niveau zu erreichen, ist eine große Herausforderung. Aber es birgt auch die große Chance, im täglichen Umgang miteinander auf dem heimischen Campus internationale Erfahrung zu sammeln. Das sehe ich als einen Gewinn. Deshalb habe ich das Diversity Management direkt auf der Leitungsebene angesiedelt.

Sie gründeten damit bundesweit das erste Prorektorat für Diversity Management. Gab es Widerstände?

Ja, es gab Erklärungsbedarf, das war kein Selbstläufer. Aber inzwischen ist das Thema nicht mehr strittig. Unser Ziel war und ist es, die Bildungschancen und den Studienerfolg unserer Studierenden zu verbessern, beispielsweise über ein flächendeckendes Mentoringsystem – von der Studieneingangsphase bis hin zur Promotion. Je früher die Maßnahmen ansetzen, desto besser. In Kooperation mit Schulen und engagierten Förderern haben wir Projekte wie Chance hoch 2, das NRW Talent Scouting oder OnTOP entwickelt, um begabte Jugendliche früh an das Thema Studium heranzuführen oder Zuwanderer mit einem ausländischen Hochschulabschluss gezielt anzusprechen und zu unterstützen. Diese Programme sind in der Öffentlichkeit sehr gut angekommen – was wiederum eine erfreuliche Binnenwirkung zur Folge hatte: Die positiven Rückmeldungen haben auch bei unseren Mitarbeitern Eindruck gemacht und Überzeugungsarbeit geleistet.

Sie setzen sich mit großem Engagement für Chancengleichheit ein. Hat das mit eigenen Erfahrungen zu tun?

Meine Eltern sind aus Pommern und dem Sudentenland geflüchtet, in unserer Straße war ich der Erste mit Abitur. Deshalb weiß ich, wie wichtig es ist, dass man vor allem am Anfang Unterstützung hat. Wer neu in dieses Land kommt oder die akademische Welt nicht kennt, fremdelt ein bisschen. An der UDE übernehmen wir Verantwortung für Menschen, die Potenzial mitbringen, aber mit den Strukturen Schwierigkeiten haben. Entsprechend haben wir das Prorektorat umbenannt. Es steht jetzt für „Gesellschaftliche Verantwortung, Diversität und Internationalität“.

© Universität Duisburg-Essen

Prof. Dr. Ulrich Radtke ist seit 2008 Rektor der Universität Duisburg-Essen. Er vertritt die Universität nach Außen, verantwortet gemeinsam mit den anderen Mitgliedern des Rektorats die Geschäftsführung der Universität sowie deren strategische Ausrichtung. Seit 2016 ist er zudem Sprecher der Mitgliedergruppe der Universitäten in der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) und HRK-Vizepräsident für Wissenstransfer in Wirtschaft und Gesellschaft. In den Lenkungsausschuss von GATE-Germany wurde er 2016 berufen.

Welchen Einfluss hat diese Strategie auf das Ansehen der Hochschule im Ausland?

Wir werden international interessanter. Ein Beispiel: Seit 2016 sind wir Mitglied des europäischen Universitätsverbunds AURORA, das Netzwerk ist über ein Screening auf uns aufmerksam geworden. Das verbuchen wir als einen Erfolg. Neben unserem guten Abschneiden im Science Citation Index war unsere „Mission“ ein wesentlicher Faktor für die Sichtbarkeit der UDE. Der Charakter der Universität, unser Einsatz für Diversität, wird international positiv wahrgenommen.

Vor welchen Herausforderungen stehen deutsche Hochschulen, die sich für Vielfalt in der Gesellschaft einsetzen?

Wir erleben momentan einen Diskurs über die Fremdheit und das Eigene. Als Hochschule müssen wir uns fragen, was wir tun können, um zu einer Versachlichung beizutragen. Die UDE hat einen großen Schwerpunkt in der Integrations- und Migrationsforschung, mit der Akademie im Exil haben wir am Institut für Turkistik ein Zentrum für bedrohte Wissenschaftler aus der Türkei geschaffen. Wir müssen gezielter informieren, die Gesellschaft mit intellektuellem Rüstzeug versorgen und einen neuen Kreis, auch außerhalb des Bildungsbürgertums, für Aktivitäten gewinnen.

Sie sind seit November 2016 Mitglied im Lenkungsausschuss von GATE-Germany. Welche Rolle spielen GATE-Germany und der DAAD im Hinblick auf die Internationalisierung und Förderung von Diversität?

Ich finde es wichtig, den Bildungsstandort Deutschland mit all seinen Vorteilen in der Welt gut zu kommunizieren und die internationale Vernetzung von Hochschulen so zu fördern, dass sie professioneller und zielgerichteter agieren können. Bestimmte Regionen, beispielsweise in den USA, erreichen wir nicht. Die Zahl der internationalen Studierenden in Deutschland steigt. Doch die schiere Größe kann es nicht sein, wir müssen eine stärkere Ausgewogenheit erreichen. Die UDE gehörte zu den ersten Hochschulen in Deutschland, die englischsprachige Studiengänge eingerichtet haben, einige Programme sogar schon im Bachelorbereich. Da sehe ich eine Zukunftsaufgabe: Wir müssen ein Angebot schaffen, das dem Bedarf auf dem internationalen Markt tatsächlich entspricht. Der Lenkungsausschuss von GATE-Germany ist für mich insofern ein Ort, an dem wir strategische Weichenstellungen diskutieren und an die Politik signalisieren können.

Gunda Achterhold (20. September 2018)

Der GATE-Germany-Lenkungsausschuss

Der Lenkungsausschuss ist das beschlussfassende Gremium von GATE-Germany. Er setzt sich zusammen aus der Sprecherin des Konsortiums Prof. Dr. Margret Wintermantel (Präsidentin des DAAD) und sechs Rektorinnen und Rektoren sowie Präsidentinnen und Präsidenten von GATE-Germany-Mitgliedshochschulen. Die Leiterin der Geschäftsstelle nimmt beratend teil. Der Lenkungsausschuss verabschiedet strategische Richtlinien für die Arbeit des Konsortiums, berät bei der Jahresplanung und entscheidet über die Neuaufnahme von Konsortialmitgliedern.