"In der Lehre müssen wir stärker auf Qualität setzen"
Interview: Gunda Achterhold (November 2025)
Herr Professor Schmehmann, zu Beginn Ihrer Amtszeit kündigten Sie in einem Interview an: „Wir brauchen viel mehr internationale Studierende.“ Was macht das Problem so drängend?
Die Hochschule Osnabrück ist in den vergangenen Jahrzehnten stark gewachsen, auf mehr als 13.000 Studierende in rund 100 Studiengängen. Wir waren immer voll, die Rekrutierung internationaler Studierender stand daher nicht im Fokus. Jetzt ist sie ein wesentliches strategisches Fundament für die Entwicklung von Studium und Lehre.
In welche Richtung soll es gehen?
Zum einen wollen wir unseren Studierenden aus der Region Perspektiven für ein interkulturelles Lernen auf dem Campus geben, Stichwort Internationalisierung vor Ort. Zugleich wollen wir Studierende aus dem Ausland auch als Arbeitskräfte für die Region gewinnen. Ein weiteres, wirtschaftliches Thema der Hochschule sind die unterausgelasteten Studienkapazitäten, die wir haben – wenn auch nicht ganz so schlimm wie andere Hochschulen in Niedersachen. Um da gegenzusteuern, haben wir uns einige strategische Schritte überlegt.
Welche?
Ich habe mich dafür eingesetzt, Studienkapazitäten jetzt nicht blind mit englischsprachigen Studiengängen aufzufüllen. Als HAW sind wir sehr “bachelorlastig” und wollen in diesem Bereich mehr Bewerberinnen und Bewerber auch für unsere deutschsprachigen Programme gewinnen. Deshalb wollen wir 2026 mit einem vierjährigen Studiengang in den Ingenieurwissenschaften ein neues Angebot schaffen. Im ersten Jahr ist eine Orientierungsphase vorgesehen, die am Anfang auch Deutschkurse integriert. Dieser sogenannte Mantelstudiengang erlaubt eine gewisse Flexibilität, Studierende können sich im dritten Semester noch entscheiden, in welche fachliche Richtung sie gehen wollen. Ein vergleichbarer Studiengang soll auch in der Informatik an den Start gebracht werden.
Mit diesem Modell sollen also gezielt internationale Bachelorstudierende unterstützt werden?
Genau. Dieses neue Angebot umhüllt gewissermaßen die bereits vorhandenen Studiengänge, um internationalen Studierenden eine bessere Absprungchance zu geben. Denn ihre Studienerfolge in Bachelorstudiengängen sind im Vergleich zu denen der Bildungsinländerinnen und -inländer durchschnittlich geringer. Dem wollen wir begegnen.
Woran liegt es, dass viele Internationals in Bachelorstudiengängen Schwierigkeiten haben?
Hauptsächlich sind es die verständlichen Hürden, sich auf unsere Lern- und Lehrkultur einzulassen. Im Vergleich zu anderen Ländern haben wir ein ziemlich freiheitliches Hochschulwesen, das sehr viel Selbstverantwortlichkeit verlangt. Es ist die Summe aus verschiedenen Herausforderungen, die es internationalen Studierenden schwer macht, im Studium erfolgreich zu sein. Mit unserem neuen Angebot knüpfen wir genau dort an, indem wir Unterstützung geben in einer Phase des Studiums, in der der Leistungsdruck noch nicht so hoch ist. Ein weiterer Vorteil: Als Hochschule bekommen wir in der Orientierungsphase mit, auf welchem Stand die Studierenden in diesen Gruppen sind und was sie brauchen.
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Im International Student Barometer (ISB) 2022 wurde die Hochschule Osnabrück für ihre Unterstützungsangebote und insbesondere die Vermittlung von Arbeitsmarktkompetenzen sehr gut bewertet. Einblicke erhalten Sie in unserer Publikation zu den ISB-Ergebnissen deutscher Hochschulen.
Warum es sich lohnt, internationalen Studierenden eine gezielte Vorbereitung auf den Berufseinstieg anzubieten, und wie Hochschulen dies bereits umsetzen, erfahren Sie in unserer Publikation “Employability im internationalen Hochschulmarketing”.
Was schätzen internationale Studierende an der Hochschule Osnabrück?
Sie schätzen das Mitmachen, das Anwendungsorientierte, den Praxisbezug. Das hören wir vor allem von Studierenden, die hier im Master studieren: Dass wir tolle Labore haben, sehr viel projektbezogenes Studium machen. Sie mögen unsere Stadt – Osnabrück ist vergleichsweise klein und schnuckelig, hat überschaubare Strukturen. Besonders schätzen sie die Begleitung und den Service, den wir anbieten.
Auch beim Thema Employability schneidet die Hochschule Osnabrück bei Befragungen gut ab. Wie unterstützen Sie internationale Absolventinnen und Absolventen beim Übergang in den Beruf?
Als anwendungsorientierte Hochschule ist die Hochschule Osnabrück gut vernetzt mit der Wirtschaft. Die regionale Verankerung ist essenzieller Bestandteil in unserem Markenkern. Über Programme wie das DAAD-geförderte Projekt “FIT in Osnabrück” unterstützen wir den Studienerfolg unserer internationalen Studierenden und bereiten sie zugleich auf den deutschen Arbeitsmarkt vor. Für unsere Standorte in Osnabrück und Lingen haben wir Career Services aufgebaut, die sich speziell an Degree-Seeking Students richten. Mit mehr als 20 verschiedenen Einzelmaßnahmen – vom Karrierementoring über Peer-to-Peer-Projekte bis hin zu Fachtutorien, die den Bewerbungsprozess erleichtern.
Welche Studiengänge der Hochschule Osnabrück sind bei Internationals besonders beliebt?
Die meisten haben wir natürlich in englischsprachigen Studiengängen – im Master, aber auch in unseren englischen Bachelorstudiengängen in Betriebswirtschaft und Management. Im deutschsprachigen Bereich sind internationale Studierende vor allem in der Musik und im Gesundheitsbereich vertreten. Auch das Interesse an den Ingenieurwissenschaften ist relativ hoch. Insgesamt gesehen, haben wir jedoch einen recht niedrigen Anteil von Degree-Seeking Students, er liegt bei etwa fünf Prozent. Zum Vergleich: In Niedersachsen liegt er im Schnitt bei 14 Prozent. Da sehe ich ein Potenzial zu wachsen.
Was tun Sie, um internationale Studieninteressierte gezielter anzusprechen und auf Ihre Angebote aufmerksam zu machen?
Nach Corona haben wir angefangen, ein Netzwerk mit PASCH-Schulen aufzubauen. Einige Gruppen besuchen uns inzwischen regelmäßig. Wir steigen auch stärker in den Bereich internationales Marketing ein. Über die niedersächsische Förderlinie “Potenziale strategisch entfalten” haben wir unter anderem das Projekt “Seekcellence” aufgesetzt, das den gesamten Student Life Cycle der Degree-Seekers in den Blick nimmt. In diesem Zusammenhang haben wir eine eigene Stelle für das internationale Studierendenmarketing eingerichtet, ebenso wie eine Onboarding-Stelle in den Fakultäten. Und mit den Mantelstudiengängen schaffen wir nun eben auch attraktivere, sichtbare Angebote für internationale Zielgruppen.
Wo sehen Sie die größten Herausforderungen im Hinblick auf die Internationalisierung deutscher Hochschulen?
Eine der größten Herausforderungen sehe ich darin, eine nachhaltige, qualitativ hochwertige Internationalisierungsstrategie aufzusetzen. Wie wir weiter agieren können, wird stark davon abhängen, wie sich die Finanzierung von Strukturen im Hochschulbereich weiterentwickelt. Da stehen wir vor großen Herausforderungen. Ich habe eigentlich eine klare Vorstellung davon, was ich politisch gerne mitbewegen will, auch im Land Niedersachsen. Quantität in Qualität wandeln, das wäre aus meiner Sicht ein fairer Deal.
Wie würde der aussehen?
Hochschulen werden sparen müssen in den nächsten Jahren, in einigen Bundesländern sieht man das schon. Das werden wir nicht verhindern können, aber dann muss man auch realistische Ziele setzen. Wie viel Euro pro Studienplatz haben wir denn tatsächlich zur Verfügung? Diese Frage ist viel entscheidender als die Größe einer Hochschule. Die Politik hat meiner Wahrnehmung nach in den letzten Jahren eher auf Masse gesetzt, da sind jetzt Anpassungen nötig. Es muss uns gelingen, eine gute Mischung aus moderater Verkleinerung von Studienkapazitäten bei gleichzeitig spezifisch besserer Finanzierung von Studiengängen hinzubekommen. Sprich: Weniger Budget als Studienplätze abbauen. Dann können wieder Mittel in Qualität auch für internationale Studierende investiert werden.
Also weg von der Quantität hin zur Qualität, um gute Bedingungen für alle zu schaffen?
Ich könnte mir vorstellen beispielsweise zehn Prozent Studienplätze abzubauen, aber nur fünf Prozent Budget. Und ich bin mir sicher: Wir werden am Ende nicht weniger Absolventinnen und Absolventen haben, weil wir die Abbruchquoten weiter verringern und Studienerfolge steigern können. Mehr Effizienz hineinzubringen, dafür werbe ich und dafür setze ich mich politisch ein.
Der GATE-Germany-Lenkungsausschuss
Der Lenkungsausschuss ist das beschlussfassende Gremium von GATE-Germany. Er verabschiedet strategische Richtlinien für die Arbeit des Konsortiums, berät bei der Jahresplanung und entscheidet über die Neuaufnahme von Konsortialmitgliedern. Ihm gehören der Sprecher des Konsortiums Prof. Dr. Joybrato Mukherjee (Präsident des DAAD) sowie acht Rektorinnen und Rektoren bzw. Präsidentinnen und Präsidenten von GATE-Germany-Mitgliedshochschulen an.
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