Fachkräfte von morgen: Career Services als wichtiger Baustein der Internationalisierungsstrategie

Internationalen Studierenden helfen Netzwerke und Orientierungsangebote, wenn sie sich auf den Arbeitsmarkteinstieg vorbereiten. Je früher eine strategische Karriereberatung ansetzt, desto besser.

Autorin: Gunda Achterhold (Mai 2023)

Zwei Männer und eine Frau besprechen eine Bewerbung
© Drazen/AdobeStock

In jedem Jahr beenden über 50.000 internationale Studierende erfolgreich ihr Studium in Deutschland, über die Hälfte von ihnen im MINT-Bereich. In Anbetracht des hohen Bedarfs an qualifizierten Fachkräften ist ihr Potenzial für den deutschen Arbeitsmarkt nicht zu unterschätzen. Die Voraussetzungen sind gut, denn die Zugangszahlen internationaler Studierender an deutschen Hochschulen steigen. Und es sind nicht zuletzt die guten Jobchancen, die junge Studierende aus dem Ausland nach Deutschland ziehen: Für 81 Prozent der im Rahmen der DAAD-Studie "Benchmark Internationale Hochschule" (BintHo) Befragten waren die attraktiven beruflichen Perspektiven ausschlaggebend für ihr Studium an einer deutschen Hochschule. Über 60 Prozent von ihnen dachten bereits langfristig und planten, auch nach dem Studienabschluss in Deutschland zu bleiben.

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In der neuen Ausgabe von "DAAD Forschung kompakt" beleuchtet die Expertin Jessica Schueller International Career Services an deutschen Hochschulen. Auf dem GATE-Germany-Marketingkongress 2023 hat sie zudem eine Session zum Thema "Employability Marketing: Attracting International Students & Young Professionals to Germany" durchgeführt. Einen Zusammenschnitt finden Sie hier.

Die tatsächlichen Verbleibsquoten sehen jedoch anders aus. Aktuelle Daten der OECD zeigen, dass nur rund ein Drittel der internationalen Studierenden deutscher Hochschulen zehn Jahre nach Studienbeginn noch immer im Land ist und den Übergang in den deutschen Arbeitsmarkt geschafft hat. In einem Positionspapier zum Thema Fachkräftegewinnung fordert der DAAD nun dazu auf, die Bedeutung internationaler Studierender als Fachkräfte von morgen stärker in den Fokus zu rücken. Spezifisch auf die Bedarfe internationaler Zielgruppen zugeschnittene Maßnahmen seien dabei von zentraler Bedeutung – mit Blick auf eine verstärkte Gewinnung von Studierenden aus dem Ausland ebenso wie zur Verbesserung ihres Studienerfolgs und ihrem Übergang in den Arbeitsmarkt. Das Papier regt Hochschulen dazu an, die guten beruflichen Möglichkeiten in Deutschland stärker in ihr Marketing mit einzubeziehen.

Ein klares Berufsbild hilft durch schwierige Studienphasen

An der Universität Bonn werden internationale Studierende von Anfang an intensiv begleitet. Das englischsprachige Karriereprogramm iStart vermittelt Teilnehmenden konkretes Wissen und wertvolle Fähigkeiten zum erfolgreichen Bewerben in Deutschland. Ein offenes Beratungsangebot unterstützt die selbstständige Vorbereitung auf eine Bewerbung, mit Hilfe kurzer Podcasts und Erklärvideos, grammatikalischer Korrekturen von Bewerbungsunterlagen oder Hinweisen zu aktuellen Jobangeboten. Ein Intensive Career Program bietet jeweils 50 Teilnehmenden pro Semester ein umfangreiches Angebot: Individualisierte Einzelcoachings und Bewerbungsmappenchecks zählen ebenso dazu wie Orientierungsworkshops mit Informationen zum deutschen Arbeitsmarkt, Besuche von Unternehmen und Vernetzungstreffen mit Alumni.

"Ziel des Programms ist es, internationalen Studierenden den Weg zu einem erfolgreichen Studienabschluss zu ermöglichen und ihnen den Einstieg in den Arbeitsmarkt zu erleichtern", sagt Kristina Khrul, Koordinatorin von iStart. Viele Studierende wenden sich bereits in einer frühen Phase ihres Studiums aktiv mit der Bitte um eine Orientierungsberatung an das Dezernat Internationales. Der Wunsch, das Studium strategisch sinnvoll aufzubauen und sich bestmöglich auf den deutschen Arbeitsmarkt vorzubereiten, ist offenbar ausgeprägt. Der positive Einfluss einer frühen Karriereberatung auf den Studienerfolg sei erheblich, so Khrul. "Wir wissen, dass Studierende, die ein klares Berufsbild vor Augen haben, mit Tiefpunkten im Studium besser umgehen können."

Kristina Khrul ist Mitautorin eines Praxisguides für die Planung, Umsetzung und Evaluation von Karriereprogrammen für internationale Studierende. Das 2022 erschienene Handbuch versteht sich als Leitfaden für Kolleginnen und Kollegen anderer Hochschulen. "Wir raten dazu, möglichst nah an der Zielgruppe zu bleiben, um ihre aktuellen Bedarfe bei der Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt zu verstehen", sagt die Beraterin. Zu den größten Hürden zählen aus ihrer Sicht fehlendes Wissen zum deutschen Arbeitsmarkt und fehlende Netzwerke, unzureichende Sprachkenntnisse und daraus resultierende Unsicherheiten. "Selbst Studierende aus gefragten Fächern wie Computer Science oder Informatik, die relativ gutes Deutsch sprechen, finden manchmal keine Stelle und verstehen die Welt nicht mehr", stellt Kristina Khrul fest. "Wir unterstützen sie darin, sich mit ihrer Expertise gut vorzustellen."

Personalisierte Beratungsangebote sind besonders gefragt

Die Angebote von iStart werden sehr gut angenommen, von den insgesamt 5.000 internationalen Studierenden der Universität Bonn sind aktuell 1.200 im iStart-eCampus-Kurs, der Plattform des Karriereprogramms, aktiv. Beworben werden die Veranstaltungen über verschiedene Social-Media-Kanäle. "Besonders wichtig ist für uns LinkedIn", so Khrul. In dem Karrierenetzwerk sind nicht nur viele Unternehmen und Recruiter unterwegs, auch Ehemalige aus dem iStart-Programm sind hier wichtige Multiplikatoren.

Animiertes Bild von zwei internationalen Studierenden vor dem Hauptgebäude der Universität Bonn
© Universität Bonn

Fit für den deutschen Arbeitsmarkt: Das iStart Karriereprogramm für internationale Studierende an der Universität Bonn bietet vielfältige Unterstützung.

Für das Marketing wurden eigens animierte Figuren kreiert. Die fiktive Biochemie-Studentin Yvonne aus Ghana und der spanische Erasmus-Student Jorge werden in kleinen Videos eingesetzt, beispielsweise um den Berufseinstieg in Deutschland zu erklären oder auf Maßnahmen des Dezernats hinzuweisen. "Die Figuren sorgen für einen Wiedererkennungseffekt und sparen uns zugleich Zeit bei der Erstellung von Materialien", sagt iStart-Koordinatorin Khrul.

In einem mehrstufigen Verfahren mit Wirkungsumfragen und Programmfeedback wird das Programm zum Abschluss des Semesters evaluiert. Individualisierte Angebote wie Coachings schneiden dabei konstant besonders erfolgreich ab und zeigen, wie hoch der Bedarf an einer persönlichen Beratung ist. Auch Online-Workshops, Meetings mit Vertreterinnen und Vertretern aus der Wirtschaft oder Gruppencoachings sind sehr beliebt.

Zu Beginn des Semesters steht ein Kick-off auf dem Programm, bei dem alle Angebote vorgestellt und erläutert werden. Nach den Auswertungen der ersten Durchgänge hatte sich gezeigt, dass die Vorstellungen der Teilnehmenden nicht immer den Inhalten der Veranstaltungen entsprachen – beispielsweise, weil die Beschreibungen nur flüchtig gelesen wurden. "Ein transparentes Erwartungsmanagement ist aus unserer Sicht ganz wichtig, um den Teilnehmenden von Anfang an ein realistisches Bild von den Inhalten und thematischen Schwerpunkten zu vermitteln", sagt Kristina Khrul. Drei Viertel der iStart-Absolventinnen und Absolventen sind nach Abschluss des Programms in einer Beschäftigung. Erste berufliche Erfahrungen sammeln, Kontakte knüpfen, Tätigkeitsfelder kennenlernen – auch ein studentischer Aushilfsjob oder ein Ehrenamt kann ein Sprungbrett in eine spätere Festanstellung sein.

Praxiskooperationen mit Unternehmen legen Grundstein für berufliche Weiterentwicklung

Die enge Vernetzung mit Arbeitgebern in der Region und deutschlandweit ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor bei der Vorbereitung internationaler Studierender auf den Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt. Praxiskooperationen mit Unternehmen legen häufig den Grundstein für die berufliche Weiterentwicklung. "Ideale Fachkräfte sind Studierende, die schon während ihres Studiums Berufserfahrung gesammelt haben", sagt Cordelia Makartsev vom Career Service Internationals der Hochschule Karlsruhe. Die wichtige Zielgruppe der Werkstudierenden sei bislang viel zu wenig beachtet worden. Die Beraterin koordiniert das vom DAAD geförderte Programm Erfolgreicher Berufseinstieg für geflüchtete und internationale Studierende (eBi), das mit Hilfe eines umfangreichen Angebotes Wege in den Arbeitsmarkt ebnet. 

"Die Beratung ist der wichtigste Baustein unserer Arbeit", so Makartsev. Sie beantwortet Fragen zum Ablauf von Bewerbungsprozessen in Deutschland, informiert über aktuelle Trends auf dem Arbeitsmarkt, unterstützt bei der Suche nach geeigneten Firmen, vermittelt Schnuppertage in Unternehmen und Gespräche, in denen Berufstätige von ihrem Joballtag erzählen. "Im Gegensatz zu einheimischen Studierenden, die sich in ihrem persönlichen Umfeld Rat holen können, stehen internationale Studierende und Geflüchtete häufig völlig alleine da", sagt die eBi-Beraterin. "Dieses Manko versuchen wir auszugleichen. Wir befähigen sie dazu, sich erfolgreich zu bewerben."

Die Hürden beim Berufseinstieg liegen zum Teil hoch, vor allem fehlende Sprachkenntnisse wirken sich negativ aus. Es gelte Vorbehalten zu begegnen, auch in der Belegschaft, denn die Einarbeitungszeit könne mühsam sein, beobachtet Makartsev. "Arbeitgeber müssen bereit sein, diese schwierige Phase mitzutragen." Seit einigen Monaten nimmt sie jedoch Veränderungen wahr, der zunehmende Mangel an Fachkräften mache sich bei der Rekrutierung von Firmenpartnern bemerkbar. "Es wird einfacher, das Interesse an unserer Zielgruppe steigt." Gestaltete sich die Suche für Studierende ohne Deutschkenntnisse vor ein, zwei Jahren oft noch schwierig, zeigen sich Betriebe inzwischen kompromissbereiter.

Karriereberatung erleichtert Einstieg in deutschen Arbeitsmarkt und sichert Studienerfolg

Wie wichtig es ist, karriereorientierte Unterstützungsangebote zielgruppengerecht zu kommunizieren, zeigen die Ergebnisse des International Student Barometer (ISB). Die weltweit größte Befragung international mobiler Studierender geht auch der Frage nach, wie gut Hochschulen Studierende auf ihre beruflichen Ziele vorbereiten. Nur zehn Prozent der für das ISB 2018 in Deutschland befragten internationalen Studierenden gaben an, Career Services ihrer Hochschule zu nutzen. Hingegen wussten 38 Prozent nicht, wie sie Zugang zu entsprechenden Angeboten bekommen. Weltweit fühlten sich 67 Prozent der Studierenden durch ihre Hochschule gut auf ihre berufliche Zukunft vorbereitet, deutsche Hochschulen lagen bei dieser Bewertung leicht unter dem Schnitt.

Die im deutschen Vergleich besten Befragungsergebnisse beim Thema Employability erzielte im ISB 2018 die Universität Bayreuth. 84 Prozent der internationalen Studierenden gingen davon aus, dass der Aufenthalt an der bayerischen Hochschule ihre Arbeitsmarktfähigkeit deutlich erhöhen werde. Bei der letzten ISB-Umfrage in 2022, deren Ergebnisse im Sommer 2023 veröffentlicht werden, lag der Anteil sogar bei 92 Prozent. "So ein Erfolg ist immer Teamarbeit", sagt Dr. Arnim Heinemann, Leiter des International Office. "Seit 2015 haben wir die Karriereberatung zu einem zentralen Bestandteil unserer Internationalisierungsstrategie gemacht." Das Institut für Entrepreneurship und Innovation ist ebenso in die Programme eingebunden wie die Stabsstelle für Karriereservice und Unternehmenskontakte, die regionale Wirtschaft, Arbeitgeberverbände, Kammern und städtische Beratungsstellen.

"Die Universität Bayreuth ist in einer Region beheimatet, die zu Unrecht als ländlich wahrgenommen wird", so Heinemann. Studierende aus dem Ausland konzentrierten sich eher auf die Metropolregionen. "Wenn wir sie aufmerksam machen auf die vielen starken Mittelständler in unserer Region und die guten beruflichen Möglichkeiten, dann ändert sich die Perspektive." Hinzu kommt ein aus seiner Sicht ganz wesentlicher Aspekt: "Sie bekommen ganz klar das Gefühl vermittelt, auch gebraucht zu werden."

Titelseite GATE-Germany Marketingwissen kompakt: ISB 2018
© DAAD

Das International Student Barometer liefert wichtige Erkenntnisse zur Zufriedenheit internationaler Studierender mit den Career Services ihrer Hochschule. Zuletzt ist der Deutschland-Report zum ISB 2018 als Veröffentlichung bei GATE-Germany erschienen, in Kürze werden die Ergebnisse des ISB 2022 veröffentlicht.

Internationale Multiplikatoren tragen Serviceangebote in die Welt

Das vielfältige Servicespektrum der Universität Bayreuth trage dazu bei, einen Verbleib von dringend benötigten Arbeitskräften in Deutschland zu bewirken, so Heinemann. "Zugleich betreiben wir Kapazitätsaufbau mit dem Ziel, dass Studierende auch in ihre Heimatländer zurückkehren und dort die gesellschaftliche Entwicklung fördern. In diesem Spannungsfeld versuchen wir, eine Balance zu wahren." Als Beispiel nennt er die Zahlen der Absolventen und Absolventinnen etablierter Doppelabschlussprogramme: Etwa 40 Prozent von ihnen bleiben als Fachkräfte in Deutschland, 40 Prozent gehen in ihre Heimatländer zurück und 20 Prozent bewegen sich woanders hin. "Das ist aus unserer Sicht eine faire statistische Größe." 

Der KarriereService der Universität Bayreuth ist die zentrale Schnittstelle zwischen Studium und Berufswelt. Ein eigens für Geflüchtete eingerichtetes Büro beschäftigt sich mit der Entwicklung von Förderprogrammen und überträgt bewährte Elemente aus den DAAD-Förderprogrammen Welcome, Integra und PROFI auch in andere Bereiche. So kommen multidimensionale Methodiken wie spezialisierte Sprachkurse, Workshops zur Arbeitsmarktintegration oder zertifizierte Praktika inzwischen allen internationalen Studierenden der Universität zugute. Innovative Impulse kommen auch aus dem Institut für Entrepreneurship, das über alle Fachbereiche hinweg eine unternehmerische Kultur an der Hochschule fördert.

"Unser breites Spektrum an Career Services vermitteln wir bereits in der Phase des Recruitings", sagt Heinemann. "Wir sind international sehr aktiv und haben dadurch viele Multiplikatoren, die unsere nachhaltigen und umfassenden Angebote in die Welt tragen." An Partnerhochschulen und über die Plattformen der DAAD-Auslandsbüros werden sie kommuniziert, auf internationalen Recruiting Events, über das Humboldt Netzwerk in Afrika, auf Jahrestagungen, internationalen Alumnitreffen und Bildungsmessen. "Von Studierenden hören wir immer wieder, dass unsere Auslandspräsenz zu den Gründen gehört, warum sie nach Bayreuth kommen."

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