Virtuelle Studienformate: Ein internationales Schaufenster für deutsche Hochschulen

Die Corona-Pandemie hat an vielen deutschen Hochschulen zu einem digitalen Entwicklungsschub geführt. Zahlreiche virtuelle Formate wurden neu konzipiert oder intensiviert. Die ersten Erfahrungen zeigen nun, dass Online-Studienangebote auch im internationalen Hochschulmarketing eine wertvolle Ressource sind.

Autorin: Barbara Ward (Dezember 2021)

Studentin nimmt mit Kopfhörern und Laptop an Videokonferenz teil
© Drazen_/iStockphoto

Im Zuge der Corona-Pandemie musste auch an den deutschen Hochschulen die Präsenzlehre ausgesetzt werden. Gleichzeitig standen und stehen internationaler Austausch und Kooperationen mit ausländischen Partneruniversitäten aufgrund der Reisebeschränkungen vor großen Herausforderungen.

Die Konsequenzen waren schnell messbar: Die Universität zu Köln beispielsweise verzeichnete im Jahr 2020/2021 verglichen mit dem Vorjahr einen Rückgang von 70 Prozent bei den außereuropäischen Austauschstudierenden, die zum Studium nach Köln kamen. Bei den Studierenden, die von Köln ins Ausland gingen, war der Einbruch mit 90 Prozent sogar noch dramatischer. Etwas geringer fiel der Rückgang bei den Erasmus-Programmen aus; er lag bei rund 50 Prozent. Hier wurden jedoch auch diejenigen mitgezählt, die ihr Programm an der Partnerhochschule online vom Heimatland aus absolvierten. Rechnet man diese Studierenden heraus, dürfte die Veränderung in der physischen Mobilität auch bei den Erasmus-Programmen deutlicher sein.

"In dieser schwierigen Zeit kam der Wunsch auf, an unsere Partner auf der ganzen Welt ein Zeichen zu senden. Wir wollten ihnen versichern, dass uns die Zusammenarbeit weiterhin wichtig ist und dass unsere Freundschaft Bestand hat. Darum begannen wir über digitale Angebote nachzudenken, erst mal nur, um die Krise zu überbrücken und zumindest eine gewisse Form von internationalem Austausch zu erhalten", schildert Dr. Johannes Müller, Leiter der Abteilung Internationale Wissenschaft an der Universität zu Köln. Dafür konnte die Universität auf erste Erfahrungen mit Online-Kursen in kleineren Studiengängen zurückgreifen. Außerdem hatte die Hochschule erst wenige Wochen vor der Pandemie ein sogenanntes One-Button-Recording-Studio eingerichtet. Dabei handelt es sich um ein voll automatisiertes Filmstudio, in dem Lehrende ohne besondere technische Kenntnisse kurze Lehrvideos, Interviews oder Vorträge selbstständig produzieren können.

Niedrigschwelliger Einstieg ins Auslandsstudium

Vor diesem Hintergrund etablierte die Universität zu Köln eine Doppelstrategie: Programme für Virtual Mobility einerseits und für Virtual Exchange andererseits. Erstere richteten sich an Studierende von Partnerhochschulen. Dafür wurden ausgewählte, bereits bestehende Kurse für Gasthörerinnen und Gasthörer aus Hochschulkooperationen geöffnet. Der Austausch mit den internationalen Partnerhochschulen stand hierbei im Vordergrund.

Im Rahmen von Virtual Exchange – auch Collaborative Online International Learning (COIL) genannt – wurden zwölf neue Kurse entwickelt, um internationale Klassenräume zu schaffen. Es handelt sich um digital gestützte gemeinsame Lehrveranstaltungen von Dozentinnen und Dozenten der Universität zu Köln und von Hochschulen im Ausland. Diese Programme zielen darauf ab, Interaktion und auch interkulturellen Austausch zu ermöglichen. Die Studierenden können hier ortsunabhängig gemeinsam arbeiten.

Die Online-Angebote der Universität zu Köln sind nach wie vor gefragt, daher ist geplant, dass beide Säulen dem Lehrangebot zukünftig erhalten bleiben. Insbesondere die Angebote aus dem Bereich Virtual Mobility stellen für die Gaststudierenden der internationalen Partnerhochschulen einen niedrigschwelligen Einstieg in ein Austauschprogramm dar. Das International Office in Köln ist optimistisch, dass diese erste Online-Studienerfahrung Teilnehmende motivieren kann, sich anschließend für einen physischen Austausch zu entscheiden. "Virtual-Mobility-Angebote sind 'Teaser', die zögerlichen Studierenden die Angst vor einem Auslandsaufenthalt nehmen und ihnen helfen, sich darauf vorzubereiten. Aber feststeht: Längerfristige Auslandsaufenthalte bleiben weiterhin die Königsdisziplin im internationalen Austausch. Virtual Mobility kann dazu dienen, das Interesse daran zu wecken, zu stärken und neugierig zu machen*, erklärt Dr. Johannes Müller.

Digitale Lehre fördert Internationalisierung

Den Virtual Exchange nimmt er ganz anders wahr, nämlich als Brücke zu neuen internationalen Partnerschaften: "Unsere COIL-Angebote dienen als Erstkontakt und Argument für die Institutionalisierung einer bisher noch gar nicht bestehenden Partnerschaft: Wenn zwei Lehrende unterschiedlicher Universitäten miteinander erfolgreiche Lehrveranstaltungen durchführen können, dann ist das ein Indikator, dass die beiden Institutionen gut harmonieren." Auch diese Programme sollen in Zukunft fortgeführt werden, um die Internationalisierung der Lehre in allen Fakultäten zu unterstützen.

Johannes Müller setzt bei der Fortführung der digitalen Programme vor allem auf die Entwicklung hybrider Lehrformate, also eine Präsenzlehre mit digitaler Schnittstelle: "Es ist schade, dass an vielen Hochschulen erst jetzt über die Hybridisierung der digitalen Lehrerfahrung nachgedacht wird. Denn dass Lehrende wie Studierende möglichst bald wieder zur Präsenzlehre zurückkehren wollen, ist nachvollziehbar. Die digitale Erfahrung ins 'neue Normal' mitzunehmen gelingt nur, wenn wir hybride Formen und Techniken der Lehre finden."

Die Universität zu Köln plant darüber hinaus, virtuelle Angebote auch im Rahmen von Capacity-Building-Programmen – zum Beispiel mit Ländern des globalen Südens und zur Unterstützung von Exil-Universitäten – einzusetzen. Damit würden auch neuere Aspekte des internationalen Austauschs im Bereich "Global Responsibility" von den digitalen Formaten profitieren.

Passende Angebote des DAAD

Der DAAD unterstützt die deutschen Hochschulen mit verschiedenen Förderprogrammen bei der Digitalisierung von Lehrveranstaltungen, Studiengängen und internationalen Kooperationen.

Weitere Informationen

Online-Lehre braucht Vermarktung

Deutsche Hochschulen könnten ihre hybriden oder rein digitalen Lehrangebote also zukünftig effektiv im internationalen Hochschulmarketing einsetzen. Für internationale Zielgruppen geöffnete Online-Programme erhöhen die weltweite Sichtbarkeit von Hochschulen, können gegenseitige Mobilität fördern und die "Internationalisation at Home" stärken. Allerdings braucht es dafür entsprechende Kommunikationskanäle.

Online-Studienangebote als Teil der Internationalisierungsstrategie

In der Reihe Les Notes hat Campus France im November 2020 die Ausgabe "Le renouveau de l’enseignement à distance : panorama international et stratégies des établissements" veröffentlicht und geht darin auf das Potenzial international geöffneter Fernstudienangebote ein.

Zur Publikation (nur auf Französisch verfügbar)

In diesem Bereich ist Campus France, die staatliche Agentur zur Förderung des französischen Hochschulsystems im Ausland, im vergangenen Jahr aktiv geworden: Bereits im Frühjahr 2020 richtete Campus France eine Datenbank für Online-Studiengänge und -Programme ein, in der internationale Studieninteressierte hybride oder reine Online-Lehrangeboten an französischen Hochschulen finden. Die internationale Öffnung und Bewerbung des Online- bzw. Fernstudiums betrachtet Campus France, ähnlich wie die Universität zu Köln, als strategisch wichtiges Element in der Internationalisierung der französischen Hochschulen.

Eine DAAD-Befragung unter deutschen Hochschulen hat gezeigt, dass der Wunsch besteht, Online-Studienangebote gezielter zu vermarkten. Entsprechend werden auch die Marketingmöglichkeiten für diese Programme in der DAAD-Datendatenbank International Programmes in Germany optimiert: "Wir werden das Darstellungsformat für Hochschulen erweitern und die Auffindbarkeit von Online-, Hybrid- und Blended Learning-Angeboten verbessern. Dadurch entsteht für die Hochschulen die Möglichkeit, zukünftig schneller auf aktuelle Entwicklungen zu reagieren und die Darstellung ihrer Angebote an die Bedarfe der Zielgruppen anzupassen", erklärt Esther Kirk, Leiterin des DAAD-Referats Informationen zum Studium in Deutschland. "Im Moment ist natürlich ein wachsendes Engagement in der Bewerbung digitaler Formate zu beobachten. Das ist sicherlich den aktuellen Umständen geschuldet. Unsere Umfrage hat jedoch auch gezeigt, dass die Präsenzlehre weiterhin eine wichtige Rolle für die Hochschulen spielt."

Es bleibt also abzuwarten, ob und in welcher Form sich Online-Programme auch in post-pandemischen Zeiten an den deutschen wie internationalen Hochschulen etablieren. Unabhängig von der Pandemie haben sie als Bereicherung des internationalen Angebots vieler Hochschulen jedenfalls bereits begonnen, erste Früchte zu tragen.


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